Belgien ist ein kleines Land mit einem doppelten Gesicht. Wer es wirklich verstehen will, muss zwei Welten kennenlernen: Flandern im Norden und die Wallonie im Süden, dazwischen das zweisprachige Brüssel als Angelpunkt. Diese Teilung ist keine Quelle der Schwäche, sondern des Reichtums: zwei Sprachen, zwei Traditionen, zwei Landschaften, vereint in einem einzigen Bundesstaat. Erst wer beide entdeckt, begreift, wie vielfältig dieses Land in Wahrheit ist.
Ein Bundesstaat mit mehreren Identitäten
Seit den Staatsreformen des späten zwanzigsten Jahrhunderts ist Belgien ein Bundesstaat aus Regionen und Gemeinschaften. Es gibt drei Regionen: die Flämische Region, die Wallonische Region und die Region Brüssel-Hauptstadt. Hinzu kommen drei Sprachgemeinschaften: die niederländischsprachige, die französischsprachige und die deutschsprachige. Diese geschichtete Struktur spiegelt den Wunsch wider, jeder Gemeinschaft ihre eigene Sprache, Kultur und Verwaltung zu belassen.
Flandern: der niederländischsprachige Norden
Flandern ist flach, dicht besiedelt und von Kanälen, historischen Städten und Kunststädten von Weltrang durchzogen. Hier spricht man Niederländisch, und die Städte tragen eine Vergangenheit aus Handel, Handwerk und Malerei.
- Antwerpen — die Hafenstadt von Rubens, Welthauptstadt des Diamanthandels, mit einer prächtigen Kathedrale und einer pulsierenden Modeszene.
- Gent — eine lebendige Studentenstadt mit mittelalterlichem Kern, Heimat des berühmten Genter Altars der Brüder van Eyck.
- Brügge — sein vollständig erhaltener mittelalterlicher Kern ist UNESCO-Welterbe; seine Grachten brachten ihm den Beinamen Venedig des Nordens ein.
- Löwen (Leuven) — die älteste Universitätsstadt der Niederlande, mit einem prächtigen spätgotischen Rathaus.
Flandern ist auch das Land der Beginenhöfe, ummauerter Wohngemeinschaften frommer Frauen; dreizehn von ihnen stehen auf der UNESCO-Liste. Ihre stillen Innengärten atmen die Atmosphäre vergangener Jahrhunderte.
Die Wallonie: der französischsprachige Süden
Die Wallonie ist grüner, hügeliger und dünner besiedelt. Hier spricht man Französisch, und die Landschaft wellt sich hin zu den Wäldern und Flüssen der Ardennen, einer bei Wanderern, Kajakfahrern und Liebhabern von Burgen und Höhlen beliebten Region.
- Lüttich (Liège) — eine warme, lebendige Stadt an der Maas, mit reicher industrieller und musikalischer Geschichte.
- Namur — die Hauptstadt der Wallonie, überragt von einer imposanten Zitadelle über dem Zusammenfluss von Maas und Sambre.
- Mons (Bergen) — eine Kulturstadt, deren barocker Belfried auf der UNESCO-Liste steht.
- Charleroi — eine ehemalige Industriestadt, die sich rund um Kultur und Street-Art neu erfindet.
- Tournai (Doornik) — eine der ältesten Städte Belgiens, mit einer außergewöhnlichen romanisch-gotischen Kathedrale.
Die Wallonie beherbergt auch eines der spektakulärsten Feste des Landes: den Karneval von Binche, bei dem die rätselhaften Gilles mit ihren Straußenfederhüten und Wachsmasken durch die Straßen tanzen. Dieser jahrhundertealte Karneval wurde von der UNESCO als Meisterwerk des immateriellen Erbes anerkannt.
Brüssel und die Deutschsprachige Gemeinschaft
Im Herzen des Landes liegt Brüssel, offiziell zweisprachig (Französisch und Niederländisch) und zugleich Hauptstadt Europas. Hier treffen die beiden großen Kulturen aufeinander, bereichert durch eine weltoffene internationale Gemeinschaft.
Weniger bekannt ist die kleine Deutschsprachige Gemeinschaft im Osten, rund um die Stadt Eupen und die Ostkantone. Dieses Gebiet, das nach dem Ersten Weltkrieg zu Belgien kam, bildet die dritte offizielle Sprachgemeinschaft und zeigt, wie vielfältig dieses kleine Land in Wirklichkeit ist.
Warum man beide kennenlernen sollte
Flandern und die Wallonie unterscheiden sich in Sprache, Küche, Temperament und Landschaft, doch gemeinsam erzählen sie die ganze Geschichte Belgiens. Wer nur die Kunststädte des Nordens besucht, verpasst die weiten Wälder und die warme Gastfreundschaft des Südens; wer nur durch die Ardennen streift, verpasst die Meisterwerke van Eycks und die Beginenhöfe. Gerade in diesem Kontrast liegt der Reiz Belgiens: ein Land, das beweist, dass Unterschiede keine Mauern sein müssen, sondern Brücken zwischen zwei ebenso faszinierenden Welten.